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Interview

Interview mit Peter Hettlich mit der Mitgliederzeitschrift des VCD „Elbe-Saale“, 04.11.2004

Guten Tag, Herr Hettlich! Seit zwei Jahren sitzen Sie im Bundestag. Womit beschäftigen Sie sich als Abgeordneter?
Als Sprecher für den Aufbau Ost bearbeite ich ein Querschnittsthema. Meine Palette reicht von der Bekämpfung des Rechtsextremismus´über Wirtschaftsförderung bis hin zur Wiedergutmachung von SED-Unrecht. Ein Schwerpunkt liegt allerdings in der Verkehrspolitik, vor allem bezüglich der Straßen- und Schienenprojekte im Osten. Außerdem bin ich der bündnisgrüne Ansprechpartner für Binnenschifffahrt in Deutschland.

Kritik am Aufbau Ost und an der Verkehrspolitik hagelt es von allen Seiten. Macht Ihnen der Job noch Spaß?
Ja. Natürlich ist mein Leben als Abgeordneter stressig, und nicht immer kann ich die Ziele erreichen, die ich mir stelle. Aber gemeinsam mit Kollegen konnte ich schon Akzente setzen. Es geht mir da nicht anders als den meisten Berufstätigen. Ich habe einen Gestaltungsspielraum – aber den darf ich auch nicht überschätzen.


Welche Akzente haben Sie denn in Mitteldeutschland gesetzt, und wo konnten Sie sich nicht durchsetzen?
Ein wichtiges Thema in den letzten zwei Jahren war für mich der Bundesverkehrswegeplan und die zugehörigen Ausbaugesetze für Straße und Schiene. In den Projektlisten haben im Gegensatz zum vorherigen Bundesverkehrswegeplan auch ökologische Argumente eine Rolle gespielt. Außerdem konnten wir das Gewicht der Schiene gegenüber der Straße erhöhen. Unnötige Projekte wie die Autobahn von Leipzig zum Dreieck Spreewald haben wir abgewendet. Dennoch finden sich im Bundesverkehrswegeplan genügend Projekte, die ökologisch und ökonomisch als sehr kritisch zu betrachten sind. Dazu zähle ich beispielsweise den über 200 Mio. € teuren Neubau der B178 von der A6 über Löbau nach Zittau. Diese Straßenverbindung ließe sich durch den Ausbau vorhandener Abschnitte preiswerter verbessern. Ähnlich steht es aus meiner Sicht um die so genannte Kanzlerautobahn von Magdeburg nach Schwerin. Der Ausbau der vorhandenen B189 könnte den Bedarf decken und dazu noch viel Geld sparen.

Und was halten Sie von der ICE-Strecke durch den Thüringer Wald?
Nichts! Diese „U-Bahn“ würde 5-7 Mrd. € kosten; viel zu viel für eineinhalb Züge in der Stunde. Wenn der Bund in der Höhe wie bisher weiter investiert, würden Sie und ich die Fertigstellung wohl nicht mehr erleben. Es ist also „höchste Eisenbahn“, neue Lösungen zur Verknüpfung zwischen Thüringen und Franken anzugehen. Eine sinnvolle Alternative ist auch hier die Nutzung vorhandener Strecken – wie es eine Studie des Büros Vieregg-Rössler vorschlägt.

Wie lange müssen die Anwohner der B170 zwischen Dresden und Altenberg noch den Fernverkehr ertragen?
Da habe ich leider kein Patentrezept. Nachtverkehr und gefährliche Fracht kann nur der Freistaat Sachsen verbieten. Ich vermisse bei der sächsischen Verkehrsbehörde eine couragierte Politik für den Bürger. Eine Möglichkeit bietet sich eventuell durch die ab 01.01.2005 geltenden Grenzwerte der EU-Rahmenrichtlinie zur Luftqualität. Hier könnten sich konkrete Handlungsfelder ergeben. Wir werden das prüfen.

Glauben Sie, dass nach der Wahl ein neuer Wind in der Verkehrspolitik in Sachsen weht?
Ich hoffe, dass die SPD mit ihrem Ministerium die Akzente anders setzen wird als Herr Gillo. Erfreulich ist, dass laut Koalitionsvertrag eine Prioritätenliste für Straßenbauprojekte erarbeitet werden soll. Das fordere ich schon seit langem, denn bisher wollte der Freistaat alle Projekte haben, ohne Schwerpunkte zu setzen. Soviel Geld kann und wird der Bund nicht für den Neubau von Straßen zur Verfügung stellen. Ich denke, dass die Landespolitik – und oft auch die Kommunalpolitik - die Bedeutung des Straßenbaus als Konjunkturmotor völlig überschätzen.

Wie meinen Sie das?
In meinem Büro habe ich mit meinen Mitarbeitern die Auswirkungen des Straßenbaus auf die nachhaltige Schaffung von Arbeitsplätzen in Ostdeutschland untersucht. Sowohl eine Literaturrecherche als auch die Erhebung eigener Zahlen haben ergeben, dass Arbeitsplätze aufgrund von Neubauvorhaben nicht nachweisbar sind. Die Untersuchungen haben wir in einem Heftchen „Jobmaschine Straßenbau?“ zusammengefasst. Eine Infrastrukturlücke gegenüber dem Westen ist – bis auf wenige Ausnahmen – nicht mehr erkennbar. Wir brauchen die Mittel, die überproportional stark in den ostdeutschen Straßenbau gepumpt wurden, viel mehr in der direkten Wirtschaftsförderung, in Wissenschaft, Bildung und in Forschung und Entwicklung.

Hand aufs Herz! Welche Rolle spielen für Sie ehrenamtlich tätige Vereine wie der VCD?
Ich arbeite gern mit verkehrsökologischen Vereinen und Naturschutzverbänden zusammen, da ich einerseits sehr viel Fachverstand, andererseits sehr viel Herz und Courage bei Vereinsmitgliedern feststelle. Vereine wie der VCD haben mir schon viele Anregungen gegeben. Daher wünsche ich Ihnen – auch in meinem eigenen Interesse – ein weiterhin aktives Vereinsleben und möchte auch zukünftig gern Ihre Zeitschrift lesen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.


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