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Reden Peter Hettlichs

Rede zum Thema Immobilienwirtschaft
28. 01. 2005

 
Sehr geehrte Frau Präsidentin/sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

eines fiel mir als Sprecher der AG Ost unserer Fraktion schon beim ersten Lesen der Großen Anfrage der CDU/CSU auf: Die Probleme der Immobilienwirtschaft in Ostdeutschland scheinen die Fragesteller nicht zu interessieren, ja es wird nicht einmal nach ihnen gefragt! Und auch bei uns kurzfristig hereingeschneite Antrag der CDU/CSU eröffnet uns keine neuen Sichtweisen oder Perspektiven.
Dabei zeigt die Entwicklung der Immobilienwirtschaft in Ostdeutschland seit 1990 sehr genau auf, was passiert, wenn Fehleinschätzungen und Fehlallokationen aufeinander treffen.

Als ich 1990 als Projekt- und Bauleiter nach Leipzig kam, gab es wohl keinen der größeren deutschen und internationalen Immobilienmakler, der nicht seine Dependance in dieser Stadt aufgeschlagen hatte. Es herrschte Goldgräberstimmung im Wilden Osten, mit Prognosen über sagenhafte Zuwachsraten z.B. im Gewerbe- und Bürobau versuchte man sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Nicht zuletzt wegen dieser gravierenden Fehleinschätzungen wurde ein in dieser Größenordnung historisch einmaliges Förder- und Sonderabschreibungsprogramm seitens der Bundesregierung aufgelegt, und – auch auf Drängen der Immobilien- und Bauwirtschaft – noch verlängert, obwohl bereits ab 1994 deutliche Überhitzungserscheinungen am Immobilienmarkt sichtbar wurden.

Der Hype, noch schnell zum Jahresende 1995 Steuern sparen zu müssen, führte zu den absurden Fällen, dass viele Westdeutsche Immobilien erwarben, die sie vorher überhaupt noch nicht gesehen hatten! Ich kenne selbst in meinem weiteren Bekanntenkreis Fälle, in denen sich die Erwerber ihre Immobilien erst dann angeschaut haben bzw. durch mich bewerten ließen, als der letzte Mieter ausgezogen war und die Einnahmen ausblieben, auf deren Basis die Finanzierung auf wackligen Beinen gestrickt worden waren.

Nun, die meisten Experten von damals haben Leipzig und den anderen ostdeutschen Städte noch vor Ende der 90er Jahre den Rücken gekehrt. Zurück blieben zumeist kleinere Maklerbüros, häufig von Ostdeutschen in der Hoffnung auf eine strahlende Zukunft gegründet und eine aufgeblähte Bauwirtschaft. Deren schmerzhafter Schrumpfungsprozess belastet bis heute nicht nur den Arbeitsmarkt sondern auch das Wirtschaftswachstum in den Neuen Bundesländern stark. Wenn von den Westdeutschen beklagt wird, dass Ostdeutschland beim Wachstum den Anschluß verliert, dann auch, weil wir heute noch mit dieser Fehlentwicklung schwer zu kämpfen haben.

Der aktuelle Leerstand bei Wohnungen, Büro- und Gewerbebauten lässt sich übrigens auch nicht mit dem demografischen Wandel erklären, denn seit 1990 hat sich die Wohnfläche je Bewohner beinahe dem westlichen Wert angenähert, wodurch z.B. der negative Wanderungssaldo zwischen Ost und West mehr als ausgeglichen wurde.

Aber, der demographische Wandel, den wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erleben werden, wird uns und auch die Immobilienwirtschaft vor völlig neue Herausforderungen stellen.
Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber es kommt eine Entwicklung auf uns zu, die nicht nur in Ostdeutschland – dort allerdings besonders verschärft – sondern auch in Westdeutschland zu Verhältnissen führen werden, an die die Fragesteller der CDU/CSU offensichtlich nicht gedacht und demzufolge auch nicht gefragt haben.

Dankenswerterweise hat die Bundesregierung in ihrer Antwort zur 1. Frage darauf hingewiesen. Ich zitiere; „Die sich ändernden demographischen Rahmenbedingungen werden einen besonders großen Einfluss auf die Immobilienwirtschaft haben, das Wachstum der Branche langfristig begrenzen und neue Herausforderungen mit sich bringen.“

Wir haben angesichts eines Wohnungsleerstandes von mehr als 1 Mio. Wohneinheiten mit dem Stadtumbau Ost begonnen, auf diese Herausforderungen zu reagieren und ich erinnere auch daran, dass der Stadtumbau West zunehmend an Bedeutung gewinnt. Sie wissen aber genauso gut wie ich, dass diese Programme viel Geld benötigen, öffentliches Geld, Geld, das letztlich die Steuerzahler aufzubringen haben.

Die Forderung nach einer weiteren massiven öffentlichen Förderung des Wohneigentums kann angesichts solcher Entwicklungen nicht mehr ernst genommen werden. Es ist den Bürgerinnen und Bürger nicht mehr vermittelbar, warum wir einerseits mit rd. 7 Mrd. € - auch in Ostdeutschland – die Eigenheimzulage finanzieren und andererseits mit mehr als 2 Mrd. € den Rückbau von Wohnungen. Das ist angesichts der prekären Haushaltslage des Bundes, der Länder und der Kommunen der Wahnsinn im Quadrat! Es darf nicht sein, dass wir Gewinne privatisieren und Verluste vergesellschaften!

Wir brauchen intelligente Lösungen, die viel stärker regionalspezifisch wirken, wir müssen uns viel stärker als bisher – auch im Westen - auf das Bauen im Bestand konzentrieren und vor allen Dingen müssen wir uns intensiver mit der Bestandsmodernisierung gerade unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten konzentrieren. Die Reduzierung des Flächenverbrauchs, die Reduzierung der Emmissionen und eine stärkere Ausrichtung von Neubauten an der bereits bestehenden öffentlichen Infrastruktur muß und wird stärker in den Vordergrund rücken.

Angesichts des demographischen Wandels haben wir die Verpflichtung, schon jetzt die Lösungen für die Probleme von morgen zu erarbeiten. Das, was wir z.B. schon heute an öffentlicher Infrastruktur bauen, werden unsere Kinder und Kindeskinder in der Zukunft – trotz Bevölkerungsrückgang - erhalten müssen.

Die Immobilienwirtschaft ist gefordert, sich in diese Prozess aktiv mit einzubringen. Ihre volkswirtschaftliche Bedeutung wird auch weiterhin hoch bleiben. Aber Ihr Stellenwert wird sich wandeln.

„Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“
„Die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen“
Das hat Kaiser Lothar I. (795-855) vor über 1.000 Jahren gesagt und dem kann ich nur beipflichten.

 

 

 

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